Pokeranekdote: KK und AA oder ein Fehler in der Matrix?
Eigentlich hatte ich an diesem Abend gar nicht vor, in Rheinberg Poker zu spielen. Eine Woche zuvor wollte ich noch an einem Business-Poker-Turnier teilnehmen. Doch daraus wurde nichts: Mein Wagen streikte auf halber Strecke, und statt am Pokertisch landete ich letztlich mit einem weiteren Werkstattproblem zu Hause. Entsprechend groß war mein Frust. Ich hatte mich auf den Pokerabend gefreut, und plötzlich war alles vorbei, bevor es überhaupt richtig begonnen hatte.
Ein paar Tage später entdeckte ich eher zufällig ein Turnier der German Poker Days: die Stadtmeisterschaft in Rheinberg. Da kam erneut die Frage auf: Wo liegt Rheinberg eigentlich? OK, Google Maps sagt ca. 50 min Fahrtzeit. Lange geplant war das Ganze also nicht. Im Gegenteil. Ich dachte mir einfach: Warum eigentlich nicht? Wenn der eine Pokerabend schon so unrühmlich geendet hatte, dann probiere ich eben etwas anderes aus.
Also meldete ich mich spontan an und fuhr nach Rheinberg. Das Buy-in von 40 Euro war überschaubar, die Organisation machte einen guten Eindruck und ich ging mit ziemlich guter Stimmung an den Start. Zuvor hatte ich tagsüber kein Poker gespielt, um am Abend „fit“ im Kopf zu sein. Entsprechend erholt setzte ich mich an den Tisch. Die Aufteilung meines Tisches war fast schon kurios: Links von mir saßen eher die loosen Spieler, rechts die tighteren Kandidaten. Ich selbst bewegte mich irgendwo dazwischen und fand schnell einen guten Rhythmus. Damit hatte ich fast immer Position auf die „besseren“ Spieler.
Relativ früh bekam ich AA und konnte damit einen ordentlichen Pot gewinnen. Kurz darauf hielt ich QQ. Auf dem Flop traf ich tatsächlich die beiden verbliebenen Damen – vier Damen, also Quads. Viel besser geht es kaum. Leider war ich OOP und checkte zunächst. Alle anderen checkten ebenfalls. Erst auf dem Turn setzte ich eine kleine Bet. Prompt verabschiedeten sich alle Gegner aus der Hand. Einerseits schön, Quads zu treffen. Andererseits schade, dass ich daraus kaum Chips herausholen konnte. Ausnahmsweise habe ich meine Karten gezeigt, was ich sonst nie mache. Ich lasse die Gegner vor dem Showdown immer gerne raten, und wenn es doch zum Showdown kam, lief es meistens gut für mich. Später bekam ich noch einmal QQ und gewann auch damit einen respektablen Pot. Insgesamt holte ich viele, vor allem kleine, Pots schon vor dem Showdown.
Nach ungefähr zwei Stunden kam die erste Pause. Zu diesem Zeitpunkt war ich Zweiter oder Dritter an meinem Tisch. Mein Plan funktionierte: kleine Pots mitnehmen, große Konfrontationen möglichst vermeiden und nur dann viel investieren, wenn ich wirklich eine starke Hand hielt. Zwischendurch flogen zwei Spieler links von mir raus. Einen davon nahm ich vom Tisch. Dann kam eine weitere Kuriosität. Eine ältere Dame kam an den Tisch und hatte ca. 60.000 – 80.000 Chips, was zu dem Zeitpunkt ein normaler Midstack war. In der ersten Runde raiste sie und spielte gegen einen älteren Herrn im Heads-up. Die Frau machte gut Druck und raiste, was das Zeug hielt. Auf dem Board lag alles, was man bei hohen Karten braucht. Ein A, ein K und ich meine sogar ein J. Da sie OOP war, musste sie immer vorlegen. Hohe Bet, call, hohe Bet, call. So kam es zum Showdown und die gute Frau drehte 44 um, während der ältere Herr eine niedrige Ax-Kombi hatte. Damit war das Turnier für die ältere Dame vorbei. Selbst der Floorman war etwas irritiert: „Wolltet ihr nicht mit ihr spielen?“
Dann kam allerdings ein Spieler ins Spiel, den wir am Tisch längst als äußerst loose wahrgenommen hatten. Er war der klassische Fisch. Er spielte viele Hände, wirkte nicht besonders selektiv und hatte trotzdem immer wieder viele Chips vor sich stehen. Er gewann mit teilweise haarsträubenden Spielzügen und verteilte dabei einige Bad Beats. Die tighteren Spieler guckten meistens genervt, wenn er so den nächsten großen Pot gewann. Irgendwann ging er mit ungefähr 50.000 Chips All-in. Ich hatte etwa doppelt so viele und schaute auf AJo. Gegen einen Spieler mit seiner bisherigen Spielweise hielt ich meine Hand für stark genug und callte. Er drehte KK um. In diesem Moment dachte ich nur: Na super. Ausgerechnet jetzt. Die Könige hielten, und ungefähr die Hälfte meines Stacks war verschwunden. Ärgerlich, aber noch lange kein Grund zur Panik. Ich war weiterhin im Turnier.
Dann kam die nächste Runde. Wieder ging derselbe Spieler All-in. Und genau das machte die Situation so gefährlich. In meinem Kopf begann sofort die Range-Rechnung. Zweimal hintereinander eine absolute Premiumhand? Bei diesem Spieler? Das erschien mir extrem unwahrscheinlich. Ich hielt KTo und setzte ihn eher auf ein kleineres Pocket Pair oder vielleicht eine schwächere Ass-Kombination. Seine bisherige Spielweise ließ jedenfalls vieles zu. Zudem ist KTo mein aktuelles „Hassblatt“. Wie oft habe ich mit einer besseren Hand dagegen verloren. Also callte ich erneut. Er drehte AA um. Ich konnte es im ersten Moment kaum glauben. Erst KK. Direkt danach AA. Zweimal hintereinander gegen denselben Spieler und zweimal bei einem All-in. Auch diesmal hielt die bessere Hand.
Innerhalb von zwei Händen war aus einem komfortablen Stack das Turnier-Aus geworden. Ich saß einfach nur da und schüttelte den Kopf. Selbst die anderen Spieler am Tisch konnten kaum glauben, was gerade passiert war. Wenige Minuten zuvor war ich noch einer der größeren Stacks am Tisch gewesen, hatte kontrolliert gespielt und große Risiken weitgehend vermieden. Und dann reichen zwei Hände, um alles zu beenden. Natürlich kann man über die Calls diskutieren. Genau das gehört zu Poker dazu. Aber emotional fühlte es sich in diesem Moment vor allem nach einem an: Pech hoch zehn.
Und vielleicht war genau das die passende Fortsetzung zu den letzten Wochen. Kurz zuvor war ich bei einem Satellite auf der Bubble für ein 2.500-$-Ticket für das nächste Qualifikationsturnier ausgeschieden. Mein Platz 9 ging komplett leer aus. Nun also dieses Ende: erst gegen KK einen riesigen Pot verlieren und direkt danach gegen AA aus dem Turnier fliegen.
Auf der Heimfahrt war ich entsprechend bedient. Es gibt diese Pokerabende, an denen man sich ernsthaft fragt, warum man sich dieses Spiel überhaupt antut. Abende, an denen man eigentlich vernünftig gespielt hat und trotzdem nur das Gefühl mit nach Hause nimmt, dass Poker einen gerade ordentlich durchgeschüttelt hat. Vielleicht ist genau das aber auch ein Teil des Spiels, den man akzeptieren muss. Nicht jeder gute Abend endet mit einem guten Ergebnis. Manchmal reicht eine einzige Hand. Manchmal sind es zwei. Und manchmal heißen diese beiden Hände ausgerechnet KK und AA.
Weil ich ein neugieriger Mensch bin, wollte ich es natürlich genauer wissen. Für einen bestimmten Spieler beträgt die Wahrscheinlichkeit, in zwei vorher festgelegten, aufeinanderfolgenden Händen zuerst KK und dann AA zu bekommen, 1 zu 48.841: (6 / 1.326) × (6 / 1.326). Das setzt eine frische, zufällige Kartenverteilung pro Hand voraus und berücksichtigt weder meine bekannten Karten noch die All-in-Entscheidungen oder den Ausgang der Hände. Es ist also keine Wahrscheinlichkeit für mein konkretes Turnier-Aus. Selten fühlte es sich trotzdem an!
Und als wäre das noch nicht genug, ereignete sich dasselbe Schauspiel einen Tag später bei einem Turnier von PokerStars. Diesmal nur zu meinen Gunsten. Erst KK und eine Runde später AA.
Und wo wir schon bei Wahrscheinlichkeiten sind: Für zwei solche Folgen in insgesamt vier vorher festgelegten Händen ergibt die Modellrechnung 1 zu 48.841² = 1 zu 2.385.443.281, also ungefähr 1 zu 2,39 Milliarden. Das ist jedoch nicht die Wahrscheinlichkeit, eine solche Folge irgendwo innerhalb von zwei Spieltagen zu erleben. Dafür müsste man unter anderem berücksichtigen, wie viele Hände und Spieler es gab und nach welchen Ereignissen man sucht.
Da könnte ich mich fast wie Morpheus fühlen, gespielt von Laurence Fishburne, und sagen: „Ich habe einen Fehler in der Matrix gefunden!“…
