WSOP Bahamas? Ne, du heute nicht!
Als würdest du schon in Bermudashorts am Gate stehen – und dann kommt Heidi Klum mit dem Satz: „Ich habe heute leider kein Ticket für dich!“
Ich hatte einen Plan. Schließlich ging es im 2.500-$-Satellite um 25 Super Passes im Wert von jeweils 30.000 $ für die WSOP Paradise auf den Bahamas.
Kein Poker vorher. Bewegung. Kopf freihalten. Keine unnötige Ablenkung. Schön vorbereitet ins Turnier gehen und konzentriert spielen. Kurz gesagt: Ich hatte alles unter Kontrolle. Außer natürlich die Karten.
Der Start war „solide“. Ein paar kleine Pots eingesammelt, ein bisschen Druck gemacht, alles entspannt.
Dann 22.
Flop: Zwei.
Set.
Sehr schön.
River: dritte Pik-Karte. Nicht so schön.
Ich rede mir ein, dass mein Gegner blufft. Er dreht den Nut Flush um.
Noch weniger schön.
Danach kam eine Phase, in der ich mich fragte: „Wo sind die Bilder geblieben? Hat die einer rausgenommen?“ Es kam alles, was man in so einem Turnier nicht gebrauchen kann. Dafür aber zuverlässig. Von 72o, 94o, 85o und ja, gelegentlich tauchte ein Bild auf, wie J3o, was aber direkt gefoldet wurde. Am liebsten hätte ich den Online-Dealer gefragt, ob ich mir die Bilder und Pocketpaare von den anderen mal „leihen“ dürfte. Blieb natürlich unbeantwortet.
Keine Hände. Keine Treffer. Kleine Pocket Pairs, die ich nach großen Raises wegwerfen durfte. Und natürlich ein sehr looser Spieler neben mir, der mit umgedrehten Karten wahrscheinlich noch mehr gewonnen hätte als ich in dieser Phase. Aber gegen mich funktionierten sie. Natürlich…
Stack runter auf unter 20 BB.
Ein Bluff ging ebenfalls schief.
Dann noch ungefähr zehn BB und endlich AQo. Mein bestes Blatt des ganzen Abends.
Jetzt oder nie. AQo-Excalibur, vollende dein Werk und schlage den Gegner in die Flucht. Hol meine BB zurück!
All-in.
Call.
Gegner: 77
Flop: nichts.
Turn: nichts.
River: nichts.
Fertig.
40 Minuten. Die Vorbereitung hatte vermutlich länger gedauert als mein Turnier. Danach machte ich das, was man nach einem frühen Turnier-Aus auf keinen Fall machen sollte:
Ich spielte einfach weiter. Auf dem Weg zum Erfolgserlebnis!
Fünf oder sechs Turniere später, inklusive Rebuys und exakt null Cashes, hatte ich mein Erfolgserlebnis zwar immer noch nicht, dafür aber zuverlässig jede mögliche Variante gefunden, eine Hand zu verlieren.
Ich mit Pocket Pair? Gegner trifft sein Ass.
Ich mit Ass-Kombi? Gegnerisches Pocket hält.
Ich vorne? Nicht lange.
Ich hinten? Dauerhaft.
Irgendwann gegen halb elf hatte sogar ich verstanden, dass der Pokerabend möglicherweise nicht mehr zu retten war. Und bei weiteren Poker-Touretteattacken würden meine Monitore heute wahrscheinlich anfangen, zu streiken. Also Schluss. Und genau deshalb ist Poker eben nicht nur Strategie. Du kannst dich vorbereiten, Ranges lernen, Wahrscheinlichkeiten rechnen und dir für jede denkbare Situation einen Plan zurechtlegen.
Wenn das Board wie ein grimmiger Türsteher sagt: „DU? Heute nicht!“, dann ist heute nicht!
Natürlich habe ich auch Mist gespielt. Ein paar Pots waren zu optimistisch, das Set mit Zweien hätte ich besser protecten können und spätestens danach kam irgendwann die Poker-Brechstange raus. Aber das Beste am Poker ist ja:
„Herr im Nachhinein“ ist beim Poker sowieso immer der beste Spieler am Tisch.
Hinterher weiß man immer ganz genau, wie man hätte spielen müssen. Also abhaken, Mund abputzen und versuchen, mich noch einmal für das Turnier zu qualifizieren.
AQ kann gegen 77 gewinnen. Frühere Niederlagen machen einen Treffer beim nächsten Mal allerdings nicht wahrscheinlicher. Die Karten haben schließlich kein Gedächtnis. Hoffe ich.
Oder wie brachte es mein Sohn, als er noch nicht richtig sprechen konnte (vielseitig einsetzbar) mit zwei Worten auf den Punkt: „A kack!“
