10.26:

Heute spiele ich nicht.

Eigentlich war an einem trüben 01.10. pokertechnisch überhaupt nichts geplant. Mein Pokerkumpane Marco hatte Geburtstag, auch noch ein „runder“. Genauer gesagt, sein 50. Geburtstag. Er war aber zum Bodensee „geflüchtet“, daher war es also nichts mit Feiern. Wir wollten uns lediglich ein neues Auto anschauen, weil unser bisheriger Wagen zwar noch fuhr, aber mittlerweile ein größeres Problem hatte. Also machten wir uns auf den Weg und kämpften uns anderthalb Stunden durch den nordrhein-westfälischen Feierabendverkehr. Am Ziel angekommen, setzten wir uns in das Auto, schauten uns kurz an und stellten fest: zu klein für UNSERE Familie. Großartig. Anderthalb Stunden hin, anderthalb Stunden zurück – und außer drei Stunden Lebenszeit hatten wir eigentlich nichts verloren. Immerhin hatten wir jetzt Gewissheit. Nach einer Kleinigkeit zu essen waren wir irgendwann wieder zu Hause. Der Tag war praktisch gelaufen und ich ziemlich müde. Mein Plan für den Abend war deshalb ausgesprochen vernünftig: Badewanne, entspannen und möglichst nichts mehr tun. Zudem lief Deutschland – Serbien im TV.

Was natürlich hervorragend funktionierte…

Denn während ich da lag, dachte ich mir: Komm, guckst du eben mal bei GG rein. Dort entdeckte ich ein 10-$-Satellite für ein 150-$-Ticket. Die Late Registration lief gerade aus. Und mit „lief gerade aus“ meine ich wirklich gerade aus. Ich registrierte mich drei oder vier Sekunden vor Schluss. Später konnte ich mich jedenfalls an keine spätere Late Registration meines Lebens erinnern. Ich startete mit ungefähr zehn BB und blickte direkt auf zwei große Stacks am Tisch. Meine Erwartungen waren entsprechend überschaubar. Viel würde hier wahrscheinlich nicht mehr passieren. Aber gut: Trotzdem probieren!

Und dann passierte etwas, das mir in meinen vorherigen Satellites nicht immer besonders gut gelungen war: Ich spielte geduldig. Wenn ich Gegenwehr bekam und meine Hand nicht stark genug war, foldete ich. Keine „Brechstange“. Kein unnötiger Coinflip. Kein verzweifeltes Verteidigen irgendwelcher Chips. Wenn sich eine gute Situation ergab, nahm ich sie. Wenn nicht, eben nicht. Mit vier BB hoch auf acht. Wieder runter auf vier. Dann wieder auf neun. Es ging ständig hin und her.

Irgendwann waren nur noch zwei ernsthafte Gegner übrig. Einer davon hatte einen komfortablen Stack und war zwischenzeitlich sogar auf „Sit out“ gegangen – offenbar in der Annahme, seine Chips würden schon irgendwie reichen. Keine besonders gute Idee. Er kam später wieder, verlor seine Chips relativ schnell und verschwand. Damit waren nur noch mein letzter Gegner und ich übrig.


Das Problem: Er hatte ungefähr 25 BB, ich vielleicht vier. Normalerweise würde man sagen: klare Sache. Nur spielte mein Gegner bemerkenswert passiv. Er raiste so gut wie nie, callte viel und foldete vor allem viel zu häufig auf meine All-ins. Zunächst wartete ich auf gute Spots. Dann merkte ich: Der passt sich überhaupt nicht an.

Also passte ich mich an. Plötzlich ging ich deutlich häufiger All-in. Mit König hoch. Mit Dame hoch. Mit Händen, bei denen ich wenige Minuten vorher vermutlich noch auf den Fold-Button gedrückt hätte. Und mein Gegner?

Fold.
Fold.
Noch ein Fold.

Irgendwann waren die Stacks gleich groß. Und selbst als er schließlich selbst nur noch wenige BB hatte, änderte er sein Spiel kaum. Am Ende gewann ich tatsächlich dieses Satellite und damit das 150-$-Ticket für das nächste Turnier. Das Turnier startete etwa 30 Minuten später. Ich war aber müde, der Tag war lang und mein Körper sagte ziemlich eindeutig: Feierabend. Aber nicht antreten war auch keine Option, weil das Ticket nur für dieses weitere Satellite galt. Diesmal ging es um ein 2.500-$-Ticket für das nächste Qualifikationsturnier. Genau um dieses Ticket war ich nur wenige Tage zuvor schon einmal auf der Bubble ausgeschieden.

Turnierergebnis des Satellites vom 1. Oktober 2026

Aber ausgerechnet an diesem Abend machte ich vieles anders. Ich spielte wieder geduldig. Ich ging unnötigen Risiken aus dem Weg. Gute Hände wurden gespielt, aber sobald der Druck zu groß wurde und die Situation nicht passte, konnte ich auch starke Karten wegwerfen. Es lief hervorragend. Zeitweise hatte ich ungefähr 120 BB, während viele andere Spieler nur 30 oder 40 hatten. Eine ausgezeichnete Ausgangslage.

Kurz vor Ende der Late Registration änderte sich das Feld allerdings noch einmal deutlich. Mehrere Spieler registrierten sich in letzter Minute – die meisten davon waren, wie ich sie nenne, „Pokermillionäre“. Aus einem kleinen Teilnehmerfeld wurden plötzlich rund 15 oder 16 Spieler.

Der Vorteil:
Die neu hinzugekommenen Spieler starteten mit ungefähr 10–20 BB.

Der Nachteil:
Es waren Spieler dabei, bei denen man schon anhand ihrer Ergebnisse erkennen konnte, dass sie wussten, was sie taten.

Also blieb ich bei meinem Plan. Die erforderliche Chipmarke erreichen und eines der beiden Tickets sichern. Bei diesem Target-Stack-Satellite erhielt man sein Ticket, sobald man den festgelegten Zielstack erreichte. Das Feld wurde kleiner. Zehn Spieler. Neun. Sieben. Fünf. Vier. Zwischendurch fiel ich vom ersten Platz auf Rang drei, vier oder fünf zurück. Früher hätte mich das vermutlich nervös gemacht. Diesmal nicht. Solange noch genügend Chips da waren, gab es keinen Grund, in Panik zu geraten. Hinzu kam etwas, das Pokerspieler immer gern nehmen: Meine besseren Hände hielten.

AK vs. AQ
KK vs. QQ
TT vs. KJ

Keine spektakulären Bad Beats. Keine absurden Riverkarten. Einfach Hände, die ausnahmsweise das taten, was man statistisch von ihnen erwarten durfte. Schließlich gewann der erste Spieler sein Ticket, nachdem er die erforderliche Chipmarke überschritten hatte. Damit blieb nur noch ein Ticket.

Und ich saß zum zweiten Mal an diesem Abend im entscheidenden Heads-up. Mein Gegner war ein Kanadier, offensichtlich ein sehr guter Spieler. Anfangs hatte er einen deutlichen Chiplead. Teilweise dürfte das Verhältnis ungefähr 80 zu 20 gewesen sein. Kurzzeitig hatte ich nur noch etwa 10 BB und dachte bereits: Das war's.

Aber diesmal kam kein Frust-All-in. Ich wartete weiter auf Situationen. Meine guten Hände hielten. Ich arbeitete mich zurück. Und erneut stellte ich fest: Mein Gegner passte sein Spiel nicht ausreichend an meine Veränderungen an. Also wechselte ich die Gänge. Mal aggressiv. Dann wieder etwas vorsichtiger. Dann extrem aggressiv. Und irgendwann hieß es gefühlt nur noch: All-in. All-in. All-in.

Plötzlich waren wir gleichauf. Einige Hände später überholte ich ihn. Und wenig später hatte sich das Verhältnis komplett gedreht. Mein Gegner war derjenige mit ungefähr 10 BB, während ich einen deutlichen Chiplead hatte.

Dann kam die letzte Hand.

Ich hielt AJo. Ausgerechnet diese Hand. Nur wenige Tage zuvor hatte ich bei einem Live-Turnier damit einen großen Pot verloren. Mein Gegner ging All-in. Ich callte. Und dann begann das längste Board meines Lebens. Mein Puls dürfte irgendwo in einer Region gelegen haben, die man medizinisch vermutlich nicht mehr als „entspanntes Badewannen-Poker“ bezeichnet.

Bitte halt!
Bitte kein Bad Beat!
Der River wurde aufgedeckt.

Und plötzlich war klar:
Ich hatte es geschafft.
Das 2.500-$-Ticket für das finale Qualifikationsturnier gehörte mir.

Ein paar Stunden zuvor hatte ich noch drei Stunden im Feierabendverkehr verbracht, um festzustellen, dass ein Auto zu klein war. Jetzt saß ich zu Hause, total „platt“, und hatte aus einem 10-$-Satellite ein Ticket im Wert von 2.500 $ gemacht.

Turnierergebnis des Satellites vom 1. Oktober 2026


Poker kann manchmal wirklich absurd sein.

Die wichtigste Erkenntnis dieses Abends war für mich allerdings nicht der Gewinn. Es war die Art, wie er zustande gekommen war. In den Satellites zuvor hatte ich oft versucht, etwas zu erzwingen. Ich hatte Situationen angenommen, die ich nicht hätte annehmen müssen, und Risiken eingegangen, obwohl mein eigentliches Ziel gar nicht darin bestand, möglichst viele Chips zu besitzen.

Diesmal war vieles anders. Ich foldete, wenn ein Fold richtig war. Ich wartete, wenn Warten richtig war. Und sobald ich merkte, dass ein Gegner sich nicht anpasste, veränderte ich mein eigenes Spiel. Vielleicht ist genau das eine der schwierigsten Lektionen im Poker: Man muss nicht jede Hand gewinnen. Manchmal muss man nur geduldig genug sein, um am Ende das zu gewinnen, worum es wirklich geht.

Am darauffolgenden Sonntag kommt nun das entscheidende Satellite für 25 Super Passes im Wert von jeweils 30.000 $ für die WSOP Paradise auf den Bahamas im Dezember. Ich freue mich sehr darauf. Ich weiß aber auch, dass ich dort gegen extrem gute Spieler spielen werde und die Chancen überschaubar sein werden. Wie sagten wir damals beim Fußball gerne: „Ball und Witze flach halten!“…

Wir werden es sehen. Für mich ist es schon ein riesiger Erfolg, dass ich überhaupt daran teilnehmen darf. Trotzdem werde ich versuchen, mein Bestes zu geben und versuche die o. g. Taktik auch dort zu benutzen. Das Mindset wird unheimlich wichtig sein. Beim Satellite war es mir egal, wie viel der Spieler schon verdient hatte. Ich wollte von Anfang an dieses Ticket und habe entsprechend gespielt.

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